vom 15. Juni bis zum 13. Juli 2003

Wissen, Angst und Kult
Zur Ausstellung von KUNSTBÜRO im Kubus Hannover
von Michael Stoeber

Das Jahr 2003 ist für die Kunst ein bedeutendes Jahr. Die Kunstbiennale in Venedig findet das fünzigste Mal statt und hat damit ein Jahrhundert überdauert. Die institutionalisierte Kunst ist dort zum Zeugen und Deuter eines Jahrhunderts geworden, das seinesgleichen sucht. Es wurde von zwei mächtigen und furchtbaren Diktaturen unterdrückt und in Schrecken versetzt. In ihm wüteten zwei mörderische Kriege, die jeder für sich mehr Menschen umbrachten als jemals ein anderer Krieg zuvor.
Aber dieses ist auch ein Jahrhundert, in dem die Menschheit auf atemberaubende Weise an Wissen und Erkenntnis gewonnen hat in einem Maße, wie das nie zuvor in ihrer Geschichte der Fall gewesen ist. An technologisch szientifischem Wissen. Das moralisch ethische Wissen der Menschheit scheint schon vor Jahrhunderten in den Weisheitslehren der Alten in gültiger Weise festgelegt worden zu sein. Gemessen daran, ist das vergangene Jahrhundert mit seinen Kriegen und Diktaturen ein einziger Atavismus.
Auch wenn die Biennale von Venedig 2003 künstlerisch nicht die stärkste ihrer Geschichte ist, scheint sich doch ein beherrschendes Thema durch viele der künstlerischen Beiträge zu ziehen, allen voran durch den neo-dadaistischen Beitrag von Christoph Schlingensiefs „Church of Fear“. Das ist das Thema der Angst. Hinter diesem Thema öffnen sich wie in einem Echoraum die Erfahrungen der Vergangenheit, die ihre Schatten auch in die Zukunft werfen.
Wir haben Angst vor ganz vielen, ganz unterschiedlichen Dingen. Als Bürger eines Gemeinwesens haben wir Angst vor Terroranschlägen, Angst vor den Folgen der Globalisierung, Angst vor Gentechnik und so fort. Aber wir haben auch – wie schon immer – ganz private Ängste. Angst vor dem Alter und dem Alleinsein, vor Not und Elend, Krankheit und Tod.
Das Thema der Angst schließt die Biennale von Venedig mit der Ausstellung „Kult“ von KUNSTBÜRO Hannover kurz. Kult ist nicht nur das Kürzel, das heute oft in Wortverbindungen wie Kultfilm oder Kultbuch auftritt und damit hinweist auf ein Produkt, das von vielen geschätzt und verehrt wird, sondern das Wort meint im Ursprung den älteren Begriff des Kultus und damit auch den Ritus und das Ritual. Kultische Handlungen begegnen uns vor allem als religiöse Rituale und dienen ganz wesentlich der Angstabwehr. Die Anrufung eines Gottes, vor allem in Bedrängnis und Furcht, ist ein hinreichend bekanntes Phänomen, und nicht wenige Soziologen erklären die Geburt des Glaubens, die Geburt des Kultes und jeder Religion aus der Situation heilloser Bedürftigkeit des Menschen.

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